ERÖFFNUNGSREDE ZUR AUSSTELLUNG : " DEUTSCHE BILDER "
GOETHE-INSTITUT BREMEN
- 07. MAI 2004
SABINE SCHMIDT
- Psychologin und Kunsthistorikerin

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste.

Hier und heute möchte ich Ihnen den Maler Karl-Friedrich Held-Zimmermann vorstellen, dessen Bilder Sie anlässlich seiner diesjährigen Ausstellung im Goethe-Institut Bremen betrachten können.

Zunächst einige biographischen Notizen über den Künstler :
1935 geboren in Wittenberge / 1941-49 Schulzeit in Rostock / 1949-52 Schiffbauerlehre / 1953 ABF-Universität Rostock / 1957 Niederlassung in Bremen / 1958-62 Studium - Staatliche Kunstschule Bremen / 1962-63 Studienaufenthalt in Berlin / 1981 Heirat mit Alrun Hartnack, Malerin und Grafikerin / 1979 Geburt der gemeinsamen Tochter. Derzeit lebt und arbeitet der Maler und Autor Karl-Friedrich Held-Zimmermann gemeinsam mit seiner Familie in Bremen.

Dieser Künstler ist ein Grenzgänger mit einem recht hintersinnigem Humor, ein nachdenklich norddeutscher Mensch mit zwei unterschiedlichen künstlerischen und lebensgeschichtlichen Wurzeln: Rostock, wo er 1935 geboren ist und Bremen, wo er seit 1958 lebt.

Seine Bilder, wie auch er selbst verweigern sich einer schnellen Einordnung in bestimmte Kategorien und Schubladen mit stiller Beharrlichkeit. Seine Bilder befinden sich auf dem Weg zum Gegenstand, zur menschlichen Figur, die jedoch oft im Vagen bleibt, vieldeutig verstehbar: Surreal, informell, überbordend von des Lebens Fülle, lebensklug verhalten zeigen sich diese Werke aus den Jahren 1981 – 2004, die sich hier vorstellen mit so einfachen, aber assoziationsreichen Titeln wie: "Botschaft" - "Mondstein" - "Domizil" - "Ganze Zeit" - "Die Reise" - "Bei Nacht" - "Das Glück" - "Kirchenschlaf" und "Drachenwetter". Der Betrachter kann hier eintauchen in einen weiträumigen, kontrastreichen Bild- und Figurenraum, wie in eine unbekannte äußere und zugleich innere Landschaft.

In seinen künstlerischen Arbeiten lässt der Maler eine Schwebe zwischen Abstraktion und einer Figürlichkeit, die sich jedoch dem Betrachter nicht so massiv aufdrängt, dass es nur eine einzige Möglichkeit der Deutung gebe. Je nach den Lichtverhältnissen und dem Standort des Betrachters verändern sich Perspektive, Farbe und Gestalt: Der Betrachter muss in einen intimen Dialog mit dem Werk treten, um das Bild immer wieder neu zu finden und zu entdecken. Der eindeutigen und absoluten Wahrheit und absoluten eindimensionalen Aussage verweigern sich die Bilder und der Maler, der in seinem Leben lernte, sich auf eine solch eindeutige Sicht der Dinge, der Ereignisse und der Menschen nicht festlegen zu lassen, sich nicht vereinnahmen zu lassen: weder durch zwei Diktaturen auf deutschem Boden, noch durch Kirche und Schule oder Elternhaus oder durch die Bigotterie der fünfziger Jahre und auch nicht durch andere linke oder rechte Brillengläser…

Daher gehört zur Charakteristik der Arbeitsweise dieses zweifach begabten Künstlers, der malt und Gedichte schreibt, als Schiffsbauer tätig war, bevor er Malerei studierte und eine ganz subtile, aber auch eine starke handwerkliche Ader hat, dass seine kräftigen Farben vielfach gemischt sind: immer wieder verändert und übermalt er seine Bilder, die sich mit ihm und den Zeitläuften wandeln. Daher ist sein Werk so kontrastreich und unterschiedlich wie das Leben. Auf einen einzigen Stil festgelegt zu werden, ist dem Künstler Karl-Friedrich Held-Zimmermann ein Graus. Figürliches und kräftige Farben treten bei ihm in ein ständiges Wechselspiel, die Bilder leben von Vielfältigkeit und Fülle: niemals steht nur ein Symbol, nur eine Figur im Vordergrund. Nichts soll dominieren.

Die Bilder von K.F. Held-Zimmermann wollen mit Muße wahrgenommen werden. Nur dann erschließen sie sich voll und ganz und schenken dem Betrachter ihren ganzen Reichtum. Sie laden ein zu einem stillen Zwiegespräch mit dem Betrachter: immer wiederholen sich einige Formen: die Frau, der weibliche Akt, Sexualorgane, die auf die Erzeugung der Vielfalt in Kunst und Leben verweisen, Gesichter, Gestalten, Tiere, darunter Esels- und Pferdeköpfe, die Gestirne, oft Sonne und Mond, technisches Gerät und mathematische Formen, wie etwa Dreiecke: ein Handwerker ist er, ein homo faber und ein sensibler Poet.

Der Künstler lehnt eine Malerei ab, die wie ein Foto nur abbildet: Der Gegenstand entwickelt sich bei ihm im Raum einer Landschaft vom Zeichen zur Kontur. Beide bestimmen sich wechselseitig. Landschaft und Weite bleiben offen für jeden Betrachter und öffnen sich dem Beistand des Gefühls. Weite und Fülle scheinen dem Künstler auch Schutz zu bieten: eine Stütze in einer Welt voller Bedrohung und Hässlichkeit. Möglicherweise ergeht es dem Betrachter ja ebenso.

Die Bilder von K.-F. Held-Zimmermann wurzeln sowohl im Handwerk als auch in der Malerei der klassischen Moderne. Modisches und Werbendes ist ihm fremd: dafür sind sie kraftvoll und subtil zugleich: Der Maler zeigt, wie er komplexe Wirklichkeiten erlebt: Traumhaft und treffend zugleich. Als Grenzgänger vereint er in seiner Kunst die Dinge und Eigenschaften, die sich in der Realität hart im Raume treffen.

Zwei seiner Werke möchte ich Ihnen heute näher beschreiben: Sie sind wie der überwiegende Teil seiner Bilder in Acryl / Öl auf Leinwand gearbeitet.

Das 1. Bild heißt: "Die Ästhetik des Mülls" oder "EPHEMER" (60 x 120 cm). Letzteres bedeutet Eintagsfliege, in Anspielung auf die äußerst vergänglichen Dinge, die hier dargestellt sind.
Sie sehen auf diesem Bild eine Müllhalde, wohl in der Nähe einer Stadt. Vielfältige Formen von verbeultem und bläulich strahlendem glänzendem Blech sind zu erkennen auf einem rötlichen Untergrund. Darüber ein greller fast giftig gelber Himmel, wohl ein Abendhimmel mit dunkelrot prall untergehender Sonne. Ganz weit rechts ein Stern: Vielleicht ein Stern der Hoffnung? Eine so künstlerisch gestaltete Müllhalde lässt einfach hoffen auf die Gestaltungskraft und Kreativität und Intelligenz des Menschen auch mit diesen Materialien und allen modernen Bedrohungen schöpferisch umzugehen, und Hässliches und Schädliches auf diese Weise zu verwandeln.

Das 2. Bild heißt "WESERLUST" (90 x 90 cm).
Ist dies gegenständlich? Ist dies abstrakt? Ist hier ein ornamenthafter Reigen des Lebendigen dargestellt, ein Fluss des Lebens, der vor unserem inneren Auge vorüber fließt? Es ist etwas von allem darin, verfremdet und glitzernd wie in einem Kaleidoskop:

Am Gestade der Weser, in deren hellblauem Wasser ein Reigen bunter Fische und von Gegenständen – von Abfällen? - von Menschen – an uns gelassen-bewegt vorbeizieht – zeigt sich uns ein gelb-sonnen-warmer Strand, auf dem sich Menschen sonnen, tummeln, liegen, einander und dem Leben zuschauen, daneben Fischköpfe oder sind es gar Zeugungsorgane für eine unvorstellbare Vielfältigkeit??? – Hoch darüber eine bunte Pflanze, die immer noch weiter wächst und treibt. Auch dies ein buntes Ornament, darüber ein blaues, blaues Lüftchen voller runder dunkelblauer Augen, die sehen, bedrohen und behüten unter einem Himmel voller Strahlkraft, bestückt mit einer dunkelroten Sonne und den schon sichtbaren Gestirnen der Nacht. Inmitten der ganzen Herrlichkeit: Weiße Fahnenmaste, bekränzt mit roter Girlandenmalerei, ganz so wie viele Male auf unserer geliebten Weserlust, dem nunmehr zu Grabe getragenen Kulturfest am Ufer des Flusses. Also auch hier Geliebtes, Gewünschtes, Erinnertes und Reales, Anwesendes und Abwesendes in eins gemalt.

©2004 ARTEBIT